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Lokale Deutung, Prävention und Bewältigung von Katastrophen im Kontext globaler Einflüsse

Laufzeit: 2001 - 2007

Projektleiter: Dieter Neubert

Projektmitarbeiter: Elísio Macamo

Finanzierung: DFG im Rahmen des SFB/FK 560 Lokales Handeln in Afrika im Kontext globaler Einflüsse


Projektbeschreibung

In der Informationsgesellschaft stoßen Katastrophen auf globales Medieninteresse, und Not- und Katastrophenhilfe gehören zu den zentralen Bereichen der Entwicklungszusammenarbeit. Diese Maßnahmen werden in der Öffentlichkeit überwiegend positiv als Ausdruck tätiger Humanität bewertet. Dabei scheinen sowohl die Katastrophen selbst wie die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der Hilfe keiner weiteren Erklärung zu bedürfen. Die sozialwissenschaftliche Debatte bietet immerhin einige Ansatzpunkte für eine genauere Analyse.

Katastrophensoziologie und die Kritik der Entwicklungshilfe haben zu einem differenzierteren Katastrophenbegriff, der offen für soziale Prozesse ist, geführt. Zugleich wird die Bedeutung der lokalen Perspektive gesehen, jedoch zumeist auf funktionale Überlebenssicherung reduziert. Für ein genaueres Verständnis von Krisen und Katastrophen ist aber gerade das Zusammenwirken unterschiedlicher Deutungen, von globalen mit wissenschaftlichen Ergebnissen legitimierten Referenzsystemen einerseits und lokalen Deutungen und Handlungen andererseits notwendig. Mit dem Konzept des "lokalen Wissens" gibt es einen brauchbaren Ansatzpunkt für die Analyse der lokalen Perspektive, der allerdings bislang nicht konsequent auf das Themenfeld der Krisen und Katastrophen angewendet wurde. Zudem blieben die wissenssoziologischen Probleme auf konzeptioneller sowie methodisch-empirischer Ebene (wissenssoziologische Forschung im fremdkulturellen Kontext) ausgeblendet.

Das Ziel der Untersuchung ist die Darstellung und Analyse der lokalen Deutung, Prävention und Bewältigung von Krisen und Katastrophen am Beispiel von Mosambik. Dahinter steht die zentrale konzeptionelle Frage nach der Konstitution des (lokalen) Wissens über Krisen und Katastrophen und das Zusammenwirken externer (globaler) Einflüsse mit lokalen Deutungen und konkretem sozialen Handeln.

Das Untersuchungskonzept gründet auf der Annahme, dass Prävention und Bewältigung wesentlich durch die jeweils dominierende Deutung von Krisen und Katastrophen durch die Akteure strukturiert sind; wobei die Deutungen auf der Grundlage des lokalen Wissens vorgenommen werden. Das lokale Wissen selbst ist dynamisch veränderbar und konstituiert sich durch das Zusammenwirken lokal schon vorhandener Wissensbestände (einschließlich von Erklärungsmustern), mit zugänglichen externen Wissensbeständen sowie auf konzeptionelle Innovationen. Externe Wissensbestände (teilweise christlich, teilweise wissenschaftlich geprägt) erheben einen universellen Deutungsanspruch, so dass externe wissenschaftlich geprägte Vorstellungen in ein Spannungsverhältnis zu lokalen Wissensbeständen und Deutungsmustern geraten. Es geht somit um die Untersuchung dieses Spannungsverhältnisses und der gegenseitigen Beeinflussungen von lokalem und externem (globalen) Wissens.

Um die Rolle gesellschaftlicher Faktoren besser herausarbeiten zu können werden die Ergebnisse mit Befunden aus Katastrophensituationen in westlichen, industrialisierten Staaten gegenübergestellt. Dabei soll insbesondere die Hypothese überprüft werden, dass sich unter Bedingungen eines stärker verwissenschaftlichten Alltags andere Erklärungsmuster durchsetzen und andere Handlungsoptionen für lokales Akteure eröffnen können. Die für die umfänglich begrenzten Vergleichsstudien ausgewählten Forschungsgebiete liegen im Oderbruch einerseits und an den Zuflüssen des Tennessee in Tennessee/USA andererseits.

Die Untersuchung stützt sich überwiegend auf eine Feldstudie mit qualitativen Methoden der Sozialforschung (Leitfadeninterviews, narrative Interviews, Gruppendiskussionen, indirekte Beobachtungen), ergänzt durch standardisierte Verfahren. Zusätzlich sind zur Untersuchung externer (globaler) Einflüsse Archivrecherchen und Analysen von Akten und "grauen" Publikationen vorgesehen.


Literatur aus dem Projekt

2008: Elìsio Macamo & Dieter Neubert: Erwartung an Sicherheit. Subjektive Katastrophenwahrnehmungen und Bedingungen der Bewältigung am Beispiel Mosambiks und Deutschlands. In: Karl Siegbert Rehberg (Hg.), Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 31. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Frankfurt: Campus.

2006: Macamo, Elísio: Accounting for Disaster – Memories of War in Mozambique. In Afrika Spectrum, Vol.41, Special Issue: Memory cultures; S.199-219.

2005: Macamo, Elísio & Jöckel, Andrea: Andere Länder, andere Katastrophen: zur lokalen Wahrnehmung und Erfahrung von Krisen und Katastrophen am Beispiel von Mosambik und Sudan. International Textbook Research, Vol.27, Pp.389-402.

2005: Neubert, Dieter & Elìsio Macamo: Wer weiß hier was? „Authentisches“ lokales Wissen und der Globalitätsanspruch der Wissenschaft. In: Loimeier, Roman, Dieter Neubert & Cordula Weißköppel (Hg.), Globalisierung im lokalen Kontext – Perspektiven und Konzepte von Handeln in Afrika. Berlin, Hamburg, Münster: Lit Verlag, 237-275.

2004: Elìsio Macamo & Dieter Neubert: Die Flut in Mosambik – Zur unterschiedlichen Deutung von Krisen und Katastrophen durch Bauern und Nothilfeapparat. Nikolaus Schareika & Thomas Bierschenk (Hg.), Lokales Wissen Sozialwissenschaftliche Perspektiven. Berlin, Hamburg, Münster: Lit Verlag, 185-207.

2003: Macamo, Elísio mit Lars Clausen and Elke Geenen (Hg): Entsetzliche soziale Prozesse. Theoretische und empirische Annährungen. Hamburg: Lit. Verlag.

2003: Krüger, Fred, Macamo, Elísio: Existenzsicherung unter Risikobedingungen. Sozialwissenschaftliche Analyseansätze zum Umgang mit Krisen, Konflikten und Katastrophen. Geographica Helvetica, Heft 2.

2003: Macamo, Elísio, Neubert, Dieter: The Politics of Negative Peace : Mozambique in the Aftermath of the Rome Cease-Fire Agreement. Portuguese Literary & Cultural Studies 10, Pp.23-48.

2003 Macamo, Elísio mit Lars Clausen and Elke Geenen (Hg): Entsetzliche soziale Prozesse. Theoretische und empirische Annährungen. Hamburg: Lit. Verlag.

2003: Macamo, Elísio: Nach der Katastrophe ist die Katastrophe. Die 2000er Überschwemmung in der dörflichen Wahrnehmung in Mosambik. In: Clausen/Geenen/Macamo (Hg): Entsetzliche soziale Prozesse.Theoretische und empirische Annährungen. Hamburg: Lit. Verlag.

2003: Neubert, Dieter und Macamo, Elísio: Wer weiß hier was. „Authentisches“ lokales Wissen und der Globalitätsanspruch der Wissenschaft. In: N. Schareika, T. Bierschenk (Hg.), Lokales Wissen – Sozialwissenschaftliche Perspektiven. Münster. Lit. Pp.93-122.

2002: Macamo, Elísio: Die Weltbank, der IWF und das Streben nach Perfektion in Mosambik. In: Zeitschrift für Sozialökonomie, 39 (132). Pp.34-40.


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