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Entwicklungssoziologie
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Wegweiser: Entwicklungssoziologie / Forschung / Abgeschlossene Promotionsprojekte / Organisationsprozesse im ostbolivianischen Tiefland

BECKMANN Gabriele: Die Arbeit von Organisationen zwischen einem modernisierenden Staat, internationaler Entwicklungszusammenarbeit und Innensteuerung. Das Beispiel lokaler Organisationen in der Provinz Velasco im östlichen Tiefland Boliviens.

Projektbeginn: 2001

Projektleiter: Gabriele Beckmann

Externe Partner: Deutscher Entwicklungsdienst (DED)


Projektbeschreibung

Die Bedeutung von Organisationen in Bolivien

 

Bolivien ist allgemein als ein Land mit schwachen Institutionen und einer bedenklichen Rechtsstaatlichkeit, sowohl auf der lokalen als auch der nationalen Ebene über längere Zeiträume, bekannt. Obgleich dieser scheinbar generalisierten „Anomie“ (Waldmann 2002) hat Bolivien eine lange Tradition im Bereich der öffentlichen zivilen Organisationen. Die Anfänge finden sich mit der Gründung der Gewerkschaften in den 1930er Jahren. Erst kürzlich setzten Bewegungen indigener Völker, welche ein gut ausgebautes organisatorisches Netzwerk von der lokalen über die nationale bis hin zur internationalen Ebene aufweisen (Albó 2008), diese Geschichte fort. Ein hoher Prozentsatz der bolivianischen Landbevölkerung sind Mitglieder bekannter historischer Lokalorganisationen wie comunidad, sindicato, allyu und einigen weiteren, neueren Arten von Organisationen wie Kooperativen und diversen anderen Instanzen der lokalen Partizipation und Selbstbestimmung im kommunalen Kontext (juntas vecinales, organizaciones territoriales de base etc). Bolivien eine „Gesellschaft der Organisationen“ zu nennen ist nicht übertrieben.

Das Feld dieser Studie bilden soziale (nichtprofitorientierte) Organisationen, die auf lokaler Ebene tätig sind und oftmals als Selbsthilfe-Organisationen bezeichnet werden. Zivile Organisationen, egal ob lokal oder national agierend, sind in Bolivien häufig mächtige Instanzen. Viele bolivianische lokalsoziale Organisationen haben immensen Einfluss auf die Lebensbedingungen ihrer Mitglieder und auf deren Verhalten (Albó; Albó & Quispe). Die Bandbreite der Aufgaben und Ziele, denen sich die lokalen Verbände verschrieben haben ist sehr weitgreifend. Beispiele sind hier die Unterstützung von Kleinbetrieben und familiärem Einkommen, die Organisation der Instandhaltung des örtlichen Allgemeingutes (Infrastruktur, Ressourcen), Garantie der öffentlichen Ordnung, Überwachung lokaler öffentlicher Finanzmittel und Investitionen sowie die Organisation von Veranstaltungen des öffentlichen Lebens und kultureller Aktivitäten. Weiterhin stellt der Schutz von Traditionen, kollektivem lokalem Wissen und der Gestaltung kultureller Identitäten ein Aufgabenfeld dar.

Ferner sind die Ausübung politischen Drucks und die Vertretung lokaler Interessen gegenüber Instanzen oder anderen Gruppen, beispielsweise Siedler gegen indigene Bevölkerung, auf lokaler oder höherer Ebene zu den Aufgaben zu zählen.

Der Terminus Organisation kann allgemein als “objective-orientated and co-ordinated interaction of human beings in order to achieve a common material or immaterial product” (Müller-Jentsch 2003:12) verstanden werden. Es überrascht nicht, dass sich örtliche Organisationen im Bezug auf ihre Dienstleistungsfähigkeit und ihr Erfolgspotential erheblich voneinander unterscheiden. Lokalsoziale Organisationen in Bolivien zeigen deutliche Differenzen in ihren internen Vorgängen auf, selbst wenn aus der gleichen Initiative hervorgehen und derselben Vereinigung angehören. Es gibt einige Organisationen, die in ihren internen Vorgängen schwach und teils stark informell wirken, während andere strikte Richtlinien vorweisen können. Manche scheinen die vorgegebenen Ziele ständig zu verfehlen, wohingegen andere Organisationen erfolgreich sind. Auch die Bereitschaft Innovationen, die oftmals von außerhalb kommen, anzunehmen ist nicht in allen Organisationen gegeben.

 

 

Forschungsfragen

 

Sieht man lokale Organisationen und deren interne Tätigkeit aus der Perspektive des Wissens, so versucht diese Arbeit folgende Fragen zu beantworten: Wie beeinflussen die vorherrschenden lokalen und externen Vorstellungen von Organisationen die interne Tätigkeit lokalsozialer Verbände? Wie stehen diese Vorstellungen mit lokaler Macht der Organisationen in Verbindung? Wie ermöglichen bzw. hemmen historische Erfahrungen und das kollektive Gedächtnis die Veränderung und Aneignung organisatorischer Modelle in Abhängigkeit der Dynamik lokaler Organisationen? Ist es wichtig ob ein Verband „dazugehörig“ oder „nicht Teil der lokalen Kultur“ ist?

 

Theoretischer Rahmen

 

Für die Auseinandersetzung mit der internen Tätigkeit lokalsozialer Organisationen werden in der Arbeit sechs theoretische Aussagen angewandt, welche ein besseres Verständnis des Zwischenspiels von Akteuren und Strukturen (Barley & Tolbert), sowie von internen und externen Institutionen, ermöglichen soll

  1. Die allgemeine Herangehensweise an Organisationen und deren interne Praxis ist, diese als offenes soziales System mit fünf Eigenschaften zu verstehen: Sozialstruktur, Teilnehmer und Mitglieder, Ziele bzw. Zwecke, Technik und Umwelt (Scott 1986). Der Bereich  der sozialen Strukturen umfasst dabei Machtbeziehungen und Interessen von Organisationen.
  2. Die strukturellen Elemente der Organisation (z.B. formale Unterteilung, Rollen und deren Zuweisung, Gewohnheiten und Routine)  werden als interne Institutionen verstanden (Barley), für die Scott in seinem Forschungskonzept folgendes vorsieht: “Institutions are comprised of regulative, normative and cultural-cognitive elements …” (Scott 2008: 48)
  3. Institutionen bauen auf verschiednen Arten dynamischen Wissens auf (Berger& Luckmann), beispielsweise externem, professionellem Wissen (DiMaggio& Powell) und lokalem Wissen (Neubert & Macamo). Institutionen basieren auf kognitiven Mustern und symbolischen Strukturen (Alford & Friedland).
  4. Es besteht eine gewisse Tendenz zur Adaption generalisierter, universell einsetzbarer Organisationsentwürfe seitens lokaler Verbände (Meyer & Rowan). Diese werden aus verschiednen Milieus auf die Organisationen übertragen und durchlaufen einen lokalen interpretativen Filterungsprozess (Czarniawska & Sevón), dabei besteht die Möglichkeit der Aneignung (Spittler; Beck) und der Zurückweisung (bei einigen Autoren auch Widerstand).
  5. Die Bedingungen in lokalen Kontexten sind unabhängig von den verallgemeinerten externen Organisationsentwürfen. Eine Analyse lokaler Institutionen auf der Mikroebene (Zucker; Douglas) wird angewandt um die spezifischen lokalhistorischen und kulturellen Grundlagen interner Institutionen der Organisation besser zu verstehen. Die Entwicklung interner Praxis wird als ein dynamischer  Prozess der Institutionalisierung und Deinstitutionalisierung gesehen.
  6. Institutionen und Behörden sind sich nicht gegenübergestellt. Vielmehr ermächtigen und beschränken sich diese gegenseitig (Giddens; Barley; Jepperson). Mitglieder agieren möglicherweise entsprechend ihrer Interessen oder bestimmter Strategien als organisatorische Unternehmer (Beckert) oder als organisatorische Grenzgänger (Holtgrewe), die neue Ideen einbringen, die sie sich in anderen Organisationen angeeignet haben.

 

Methodologisches Vorgehen und Besonderheiten

 

Die Fallstudie der beforschten lokalen Organisationen ist räumlich in der Provinz Velasco der ländlichen Region Chiquitanias, im östlichen Tiefland Boliviens zu verorten. In den letzten 500 Jahren hat sich die Rolle von Organisationen in Velasco deutlich verändert. Von vermeintlich typischen fluiden Formen von sozialer Kooperation im Amazonastiefland in der vorspanischen Zeit zu einem nahezu militärisch organisierten System während der Zeit der jesuitischen Mission (reducciones). Später von stark untergeordneten formalen Organisationen während der republikanischen Ära zu einem neuen Bedeutungsgewinn  lokaler Organisationen in den letzten fünfzehn Jahren durch Prozesse der staatlichen Dezentralisierung, Kolonisationsprojekten, eine steigende Zahl von Entwicklungsprogrammen und die politische Prozesse wie die Ausweitung sozialer und indigener Bewegungen (Ströbele-Gregor 2010).

Die Forschung besteht aus zwei Analyseebenen: (1) Die Ebene der internen Praxis lokaler Organisationen. Diese Ebene kann nicht als ein Ganzes erfasst werden. Interne Praxis besteht aus unbeschränkten Interaktionen, die sowohl in Beziehung zur Organisation, als auch deren Zielen und Zwecken sowie deren Ressourcen stehen kann. Deshalb muss die Betrachtung zweigeteilt werden: (i) Planung und (ii) Führung/ soziale Kontrolle. Die Fallstudie beinhaltet eine Auswahl lokaler Organisationen verschiedenen Alters und verschiedener offizieller Zielsetzungen. Angewandte Hilfsmittel sind: Teilnehmende Beobachtung der internen Praxis (vor allem während Versammlungen, Sitzungen und Workshops) und die Analyse interner Dokumente (Berichte und Tagesberichte). (2) Die zweite Analyseebene ist auf die lokales und externes Wissen sowie die Vorstellungen von Organisationen fokussiert. Hierbei kommen folgende Hilfsmittel zur Anwendung: Eine zweite Analyse historischer Studien, biographische Interviews mit den Leitern lokaler Organisationen und Experteninterviews. Die Ergebnisse sind rekonstruierte Konzepte der Organisation in internem und externem Wissen, dass die Art und Weise des Handelns in lokalen Organisationen beeinflusst.

 

 

 

Literatur

 

Albó, Javier 2002: Pueblos Indios en la política. La Paz: PLURAL Editores / CIPCA.

Albó, Javier 2008: Movimientos y Poder Indigena en Bolivia, Ecuador y Peru. La Paz: CIPCA.

Albó, Javier & Victor Quispe 2004: Quiénes son indígenas en los gobiernos municipales. Cuadernos de investigación 59. La Paz: PLURAL Editores, CIPCA.

Barley, Steven R. & tolbert, Pamela 1997: Institutionalization and Structuration: Studying the Links between Action and Institution. In: Organization Studies. 18, p. 93-117.

Beckert, Jens 1999: Agency, Entrepreneurs, and Institutional Change. The Role of Strategic Choice and Institutionalized Practices in Organizations. In: Organization Studies. Sage 20, p. 777-799.

Berger, Peter & Thomas Luckmann 1967: The Social Construction of Reality. New York Czarniawska, Barbara & Guje Sevón 1996: Translating Organizational Change. De Gruyter Berlin / New York.

Dimaggio, Paul & Walter Powell 1991: The New Institutionalism in Organization Analysis. University of Chicago Press: 41-62.

Douglas, Mary 1986: How Institutions think. Routlegde.

Holtgrewe, Ursula 2002: Subjekte als Grenzgänger der Organisationsgesellschaft? In: Allmendiger & Hinz: Organisationssoziologie. Kölner Zeitschrift Für Soziologie und Sozialforschung. Sonderheft 42: 344-368.

Neubert, Dieter & Elisio Macamo 2005: Wer weiß hier was? Lokales Wissen und der Globalitätsanspruch der Wissenschaft. In: Loimeier, Roman, Dieter Neubert & Cordula Weißköppel (Hg.): Globalisierung im lokalen Kontext. Perspektiven und Konzepte von Handeln in Afrika. Beträge zur Afrikaforschung, Universität Bayreuth: 237-275.

Scott, W. Richard 1986: Grundlagen der Organisationstheorie. Frankfurt/Main: Campus.

Scott, W. Richard 2008: Institutions and Organizations. Ideas and Interests. Sage Publications. Thousand Oaks.

Ströbele-Gregor, Juliana 2010: Demokratische Revolution in Bolivien? In: APuZ 41-42 / 2010 Waldmann, Peter 2002: Der anomische Staat: über Recht und öffentliche Sicherheit im Alltag Lateinamerikas. Opladen, Leske und Budrich.

Zucker, Lynne 1977: The role of institutionalization in cultural persistence. In: American Sociological Review, 42 (5): 726-43 (reprinted in DiMaggio, P. J. & W. Powell 1991: The New Institutionalism in Organisational Analysis. 83-107).

 


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