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Wegweiser: Entwicklungssoziologie / Forschung / Laufende Projekte / "Mittelschichten im Aufbruch" / • Mittelschichten im Aufbruch / Inhalte

Kroeker - Milimani MC

Foto: L.Kroeker

Zusammenfassung der Ergebnisse (2013-2016) und weiterführende Überlegungen (2017-2018)

In den letzten Jahren ist die Mittelschicht in Afrika in entwicklungsökonomischen Publikationen und den Medien zu einem prominenten Thema geworden. Zahlreiche Begriffe wurden in wirtschaftsorientierten und populären Medien in den letzten Jahren für diese aufsteigende Mittelschicht geprägt: 2011 titelte The Economist: „Pleased to be bourgeoise - Africa's growing middle class“ oder bezeichnet Afrika als „The Hopeful Continent“ (The Economist 2011), der auf den Fußspuren der asiatischen Tigerstaaten wandelt. Die African Development Bank sprach von “The Middle of the Pyramid” (African Development Bank 2011) und “Africa Rising” entstand analog zum indischen Slogan “India Shining”. Mit einer Perspektive auf Konsum thematisierte Deloitte 2013 („The Rise and Rise of the African Middle Class“) den Aufschwung der afrikanischen Mittelschicht. Am häufigsten wird die Studie der Afrikanischen Entwicklungsbank (African Development Bank 2011) zitiert, die einen immensen Zuwachs dieser mittleren Einkommensschicht aufzeigt. In den letzten zwanzig Jahren hätten sich demnach die Verdiener von 4-20 US$ pro Tag und Person verdoppelt. Besonders den Staaten mit großem wirtschaftlichen Potential wird eine zunehmend kaufkräftigere mittlere Einkommensschicht attestiert. Die Publikationen legen alle große Erwarten in in das Anwachsen der Mittelschicht in vielen afrikanischen Ländern. Doch was sind diese Erwartungen? Sind sie gerechtfertigt? Unter welchen Bedingungen entwickelt sich die Mittelschicht? Was sind die Zukunftsentwürfe dieser Mittelschicht?

Das Teilprojekt konzentriert sich auf die Mittelschicht(en) Träger von Zukunftsentwürfen und deren Kontexte. Drei grundsätzliche Ergebnisse lassen sich bereits als Resultat der ethnologischen Beschäftigung mit der Mittelschicht in Afrika an der Universität Bayreuth festhalten:

1.) Die sozialwissenschaftliche Debatte bezieht sich vornehmlich auf ältere soziologische Werke, um soziale Stratifizierung in Ländern des globalen Südens zu analysieren, die jedoch nur eingeschränkt auf außereuropäische Kontexte übertragen werden können. Die Ansätze von Marx und Weber wurden im späten 19. Jahrhundert zur Analyse der deutschen und englischen Gesellschaft dieser Zeit entwickelt. Die Mittelschicht im Deutschland des 19. Jahrhunderts bestand aus einer kleinen Gruppe, dem Bürgertum, das sich von der Aristokratie distanzierte. Als Ergebnis der Beschäftigung mit der Mittelschicht in Afrika stellt das Projekt fest, dass sich diese historischen Umstände der Entstehung der Mittelschicht in Mitteleuropa bedingt durch die Industrialisierung sowie die vorherrschende soziale und politische Kultur, nur schwer mit der Genese der Mittelschicht in afrikanischen Ländern vergleichen lässt.

Die zum Teil willkürliche Grenzziehung kreierte künstliche soziale Konstrukte ohne soziale Einheit, Identität oder gemeinsame Interessen. Soziale Abgrenzungen existierten ebenfalls, machten sich aber nicht an arbeitsteiligen Wirtschaftsprozessen, sondern an grundlegend anderen Merkmalen, wie Altersklassen, ethnischer Zugehörigkeit, Religion, oder Sklaventum fest. Diese Faktoren der Abgrenzung und sozialen Differenzierung entsprechen nicht den Beschreibungen europäischer Gesellschaften. Die Übertragung der theoretischen Grundlagen zur Erforschung der afrikanischen Mittelschichten basiert daher auf Vorannahmen über die Gesellschaftsstruktur, die u.E. unzutreffend sind. Beispielsweise kann nicht zwangsläufig von einer kritischen politischen Haltung der Mittelschicht gegenüber der Regierung ausgegangen werden, wie sie das Bildungsbürgertum zeigte. Ähnlich verhält es sich mit anderen Annahmen über die Mittelschicht in Afrika, die einer europäisch geprägten Begriffsdefinition geschuldet sind. Vorannahmen wie das Interesse an Gendergleichheit, eine gemeinsame Identität, Interesse an Bildung, Wissenschaft und Technologie, an Konsumprodukten, einem westlichen Lebensstil im urbanen Raum können nicht für die Mittelschicht im globalen Süden als gesetzt gelten

2.) Die sozialwissenschaftliche Debatte um die Mittelschicht wird zum größten Teil in englischer Sprache und mit Blick auf anglophone und lusophone afrikanische Länder geführt. Der Stand der Forschung zu sozialer Differenzierung unterscheidet sich jedoch im deutschsprachigen Raum von der anglophonen Debatte und letztlich von den verwendeten Begriffen. Während in letzterer ausschließlich von einer middle class gesprochen wird, hat die deutsche Soziologie sich in den 1980er Jahren ausgiebig mit einer feineren, differenzierten Sozialstrukturanalyse auseinandergesetzt. Im Deutschen bevorzugen Wissenschaftler*innen in der gegenwärtigen Debatte die Übersetzung der middle class mit Mittelschicht bzw. Mittelschichten im Plural, um die Heterogenität darzulegen. Neben den sozialen Differenzierungen in Schichten, Klassen und sind die weitaus feineren, soziostrukturellen Abgrenzungen, wie Milieu und Lebensstil, die die deutsche Soziologie entwickelt hat, im anglophonen Raum unbekannt und werden daher auch in der neuen Debatte um die afrikanische Mittelschicht kaum verwendet. Lebensstile und Milieus etablieren Muster von Konsum, Werten und politischen Einstellungen als abgrenzbare Kategorien. Diese beruhen häufig auf quantitativen, statistischen Daten, die zum Zwecke der Marktforschung erhoben und graphisch dargestellt wurden. Wie Dieter Neubert und Florian Stoll im Rahmen des Bayreuth Projektes bereits in Vorträgen und Publikationen zeigten, lässt sich der Milieuansatz auch auf die städtische Bevölkerung Nairobis und Mombasas übertragen (Neubert 2014; Neubert & Stoll 2015; Neubert 2016, siehe auch Kroeker 2014). Die Mittelschicht lässt sich mit diesem Ansatz in kleinere Einheiten unterteilen - die Mittelschicht besteht also aus einer Vielzahl von Gruppen unterschiedlichen Lebensstils. Die ethnologische Debatte rekurriert generell wenig auf Milieu oder Lebensstilansätze. Zum einen ist es für ethnologische Forschungen nicht notwendig, Cluster oder Gruppen zu definieren – vielmehr kann die Datenbasis auf Einzelbeispielen, die für repräsentativ befunden werden, basieren. Die Gruppenidentität ist im soziologischen Ansatz von außen zugeschrieben, im ethnologischen Ansatz, im Gegensatz dazu, emisch.

3) Die Ethnologie hat sich ausgiebig mit der Abgrenzung von Gruppen, Gruppenidentitäten und sozialen und kulturellen Dynamiken befasst, sei es zu Gender, Alter, ethnischer Differenzierung und Statusmarkierungen oder -änderungen durch Initiation. Ethnolog*innen befassten sich dabei bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts vorwiegend mit Gruppen, die nicht im Rahmen moderner Staatlichkeit organisiert waren, also einem Afrika jenseits einer kolonial kapitalistischen Prägung. Beschreibungen zu Hierarchien innerhalb eines Nationalstaats, wie das Klassen- oder Schichtkonzept sie vorsehen, sind selten. Beschreibungen, die sich hauptsächlich auf Einkommensunterschiede beziehen sind nicht existent. Dies ist in der Soziologie anders, zumal die Erforschung sozialer Klassen und Schichten zeitgleich mit der Nationalstaatsbildung einherging und nationalstaatliche Bevölkerungen als Einheiten betrachtet wurden. Dieser disziplinäre Unterschied führt vermutlich dazu, dass es über eine lange Zeit hinweg keine eigenständige ethnologische Debatte zu ökonomischen Schichten und Klassen in außereuropäischen Regionen gab. Andere gesellschaftsstrukturierende Klassen, vor allem Altersklassen, sind und waren zentrale Themen der Ethnologie.

Konkret werden derzeit an der Universität Bayreuth die Heterogenität innerhalb von Mittelschichts-Haushalten, soziale Absicherung und der Pläne für Karriere und Berufsleben ethnologisch erforscht. Soziologisch werden an der Bayreuth Academy of Advanced African Studies Milieus urbaner Mittelschichten und Interactional Ritual Chains untersucht.

Weitere Fragen und Diskussionen in der zweiten Phase der Academy:

Das bislang erhobene empirische Material inspiriert uns zu weiteren Fragen, die bislang noch nicht angemessen erörtert werden konnten: Hier sind die Fragen zu nennen, ob es eine ländliche Mittelschicht gibt bzw. ob auch bei gesellschaftlichen Randgruppen wie Agro-Pastoralisten von einer Mittelschicht gesprochen werden kann. Lassen sich Aussagen, die für die Mittelschichten des globalen Nordens gelten, in spezifischen lokalen Kontexten des globalen Südens ebenfalls belegen und können sie somit als Teil der Definition einer Mittelschicht angesehen werden? Etwa bei der Annahme, die Mittelschicht sei eine Triebkraft für Demokratisierung sowie dass sie sich hauptsächlich aus Beamten und Angestellten rekrutiere oder dass ein höherer Konsum und damit Energieverbrauch mit dem sozialen Aufstieg einhergeht. Darüber hinaus sind der soziale Abstieg, der Wechsel der Schicht durch Heirat oder Alter, ebenso wie die Heterogenität der Haushalte in der laufenden Debatte weiterhin unterbeleuchtet.


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